Die Odyssee der Westgoten

Die Suche nach einer Heimat trieb die Westgoten durch ganz Europa. Sie marodierten im Balkan, fielen in Rom ein – und wurden nach über 40 Jahren doch noch fündig. Roderich, der Schmied, erzählt seine Geschichte.

Es ist lange her, dass ich mich an meine Jugend erinnert habe. Am liebsten würde ich diese Erinnerungen aus meinem Gedächtnis verbannen, denn sie schmerzen. Ich wurde im Winter des Jahres 1119 nach der Gründung Roms (366 n. Chr.) geboren, in einem Ort nördlich der Donaumündung. Ich kam schon als Pechvogel zur Welt. Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Vater verzieh mir das nie.

Er war ein Goldschmied, genau wie sein Vater und dessen Vater. Ich sollte die Familientradition fortführen. Mit drei Jahren zeigte mir mein Vater das erste Mal seine Werkzeuge und setzte mich auf den Amboss, mit fünf hatte ich das erste Mal einen Hammer in der Hand. Aber von Beginn an fehlte mir das Talent. Wo das Gold unter den Händen meines Vaters zu feinen Ketten wurde, zerfloss es bei mir nur zu einer klumpigen Masse.

Als ich neun Jahre alt war, kamen die Hunnen und zerstörten auf der Suche nach Beute und Nahrung die westgotischen Dörfer. Mein Vater packte seine wertvollsten Werkzeuge in einen Beutel und floh - alleine. Ich sah ihn nie wieder. Wenige Tage später floh ich auch. Auf einem hohlen Baumstamm paddelte ich über die Donau und kam so ins Römische Reich.

Der Kaiser Flavius Valens war den westgotischen Flüchtlingen wohlgesinnt. Er versprach den  Familien Ackerland und wollte die Männer in die römische Armee eingliedern. Aber den meisten Römern war unser Schicksal egal. Sie pressten uns Zahlungen ab und gaben uns nicht genug zu Essen. Monatelang musste ich betteln und darauf hoffen, dass mir ein Römer ein Stück Brot oder einen Brocken Hundefleisch vor die Füße warf.

Nach zwei Jahren schenkten wir den leeren Versprechungen des Kaisers keinen Glauben mehr. Mein Volk war zum Aufstand bereit. Auch ich hatte endlich wieder eine Aufgabe: Mit zwölf Jahren war ich zwar noch zu jung zum Kämpfen, aber immerhin konnte ich Schwerter und Lanzen schmieden.

Bei der Schlacht von Adrianopel traf das verzweifelte gotische Heer auf das Römische. Die Römer hatten uns unterschätzt. Zehntausende von ihnen starben, darunter auch Kaiser Flavius.

Unter dem neuen Kaiser Theoderich durften wir südlich der Donau Siedlungen bauen. Ich reifte zum Mann, arbeitete weiter als Waffenschmied und baute von meinem Einkommen ein kleines Haus.

Doch mein bescheidenes Glück währte nicht lange. Im Jahr 1148 (395) kamen erneut die Hunnen, diesmal überquerten sie die Donau. Wieder wurden ich und mein Volk vertrieben. Mit Hab und Gut zogen wir zu Fuß tausende Kilometer durch den Süden Europas, aber nirgendwo waren wir willkommen. Unser Stammesführer Alarich beschloss, die Schlange beim Kopf zu packen: Wir zogen gen Rom und erreichten die Stadt im Jahre 1161 (408).

Zwei Jahre lang verhandelte Alarich mit Kaiser Honorius. Obwohl wir mit unserer Armee vor den Toren Roms standen, blieb der Kaiser stur. Alarich blies zum Sturm auf die Stadt. Drei Tage lang plünderten wir Rom. Wir nahmen alles mit, was von Wert war. Aber eine Heimat hatten wir immer noch nicht gefunden.

Alarich starb einige Monate später. Wir zogen weiter. Erst nach Gallien, dann nach Spanien. Vor wenigen Tagen hat Kaiser Constantius uns ein Gebiet in Aquitanien um die Stadt Toulouse zugesprochen. Ich werde mich hier niederlassen. Ich bin ein alter Mann geworden und des Marschierens müde.

Jetzt sitze ich in meiner bescheidenen Hütte und schreibe meine Erfahrungen nieder. Ich habe zwei Kaiser und fast alle meine Freunde überlebt, bald wird auch mein Leben zu Ende gehen. Ich will hier sterben. Für mich ist dieser Ort noch keine Heimat, doch vielleicht wird er eine Heimat für mein Volk.

Roderich starb im Jahr 418 nach Christus; das Gründungsjahr des Westgotenreichs. Zunächst erstreckte es sich über das heutige Südfrankreich, Ende des sechsten Jahrhunderts dann über die gesamte iberische Halbinsel.

Zu Beginn des achten Jahrhunderts rückte eine arabische Streitmacht über die Straße von Gibraltar nach Spanien ein. Sie eroberten alle Gebiete der Westgoten und gewannen im Jahr 711 schließlich auch die entscheidende Schlacht, bei der der letzte westgotische König Roderich starb.

Viele Goten konnten fliehen. Einige Jahre später gründeten sie im Nordwesten Spaniens das Königreich Asturien, dessen Herrscher sich als legitime Nachfolger der westgotischen Könige sahen. Ihr Erbe hat überlebt: Bis heute trägt der Kronprinz von Spanien den Beinamen „Fürst von Asturien".

visigoth_migrations

Migration der Westgoten

>Von David Wünschel<

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