Der Traum vom schnellen Geld

Ab 1961 kamen türkische Gastarbeiter in die BRD – angeworben als billige Arbeitskräfte. Viele von ihnen merkten schnell, wie schwierig ein Leben in der Fremde ohne Familie war. Die fiktive Geschichte eines Mannes, der seine Heimat verlor und auch in Deutschland keine fand.

Schmutz, Gestank – und viel zu viele Arbeiter auf engstem Raum. Jahrelang. Bittere Realität für viele türkische Gastarbeiter, die in Deutschland in sogenannten Arbeiterquatieren wohnten. Wenn Adnan Albayrak von der Schichtarbeit zurückkam, sank er müde auf sein Bettlaken. Jeden Abend schlief er mit dem Wunsch ein, irgendwann doch noch in seine alte Heimat zurückzukehren.

Mit 20 Jahren hatte sich Adnan als Gastarbeiter beworben, weil er keine andere Lösung mehr sah. Er war der älteste von drei Söhnen eines armen türkischen Landarbeiters in Tepeköy. Sein Vater war gestorben starb, als er elf Jahre alt war. Seitdem hatte die Familie noch weniger zum Leben.

Dann verbreiteten sich erstaunliche Geschichten in der Türkei. Vom schnellen Geld etwa , das sich in Deutschland verdienen ließ, und von schicken Autos, die sich manche Türken dort angeblich leisten konnten. Es klang wie ein schöner Traum. Er packte seine einzige Tasche und lief zu Fuß ins zwei Tagesmärsche entfernte Ankara.

Wer die vielen Bewerber in Ankara waren und woher sie tatsächlich stammen, schien  für die Anwerbekommission bedeutungslos zu sein. Sie bekamen Nummern zugeteilt und mussten sich bis zur Unterwäsche ausziehen. Gesundheitscheck. Mit nackten Füßen standen sie auf dem kalten Fußboden, während deutsche Ärzte sie von oben bis unten untersuchten. Adnan schämte sich dafür. Auch vor seinem Privatesten machten sie keinen Halt. Nachdem er den Raum verlassen hatte, hörte er, wie einem anderen Türken die Abreise wegen eines faulen Zahns verweigert wurde.

Ganz und gar kein heimisches Gefühl

Bald darauf ging es los Richtung Deutschland. Über Istanbul, Bulgarien, Serbien und Kroatien fuhr der Sonderzug in Richtung Österreich und erreichte nach 60 Adnan hatte Zweifel, starrte immer wieder auf die Fahrkarte, deren Sprache er nicht verstand. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde. Niemand hatte ihn darauf vorbereitet. Wohin brachte ihn nochmal dieser Zug?

Nach der anstrengenden Fahrt, verfrachtete man sie in einen dunklen Luftschutzbunker aus der NS-Zeit unter dem Münchener Hauptbahnhof. Menschen teilten Suppe aus – mit Fleisch darin!  Adnan aß nichts davon, denn die anderen warnten, es könnte vom Schwein sein.

Seine nächste Zugfahrt führte tags darauf nach Köln. Dort wurde Adnan mit 49 weiteren Gastarbeitern in die Massenunterkünfte nahe seiner neuen Arbeitsstätte gebracht. Er arbeitete ab sofort als Hilfskraft in einem Automobilkonzern, genauer gesagt am Fließband. Monotone Arbeit - stundenlang.

Bald darauf schlich sich der harte Alltag ein. Er vermisste türkische Speisen,  türkische Musik und das Leben in seinem Heimatdorf. Und obwohl er sich einredete, bald wieder nach Tepeköy zurückkehren zu wollen, vergingen Tage, Monate und schließlich Jahre.

Adnan ging es nicht gut. Die Wohnungen waren mies und eng. Privatsphäre gab es nicht. Er fühlte sich ausgebeutet, verstand die fremde Sprache nicht, litt unter der immer gleichen Arbeit und hatte als Ausländer kaum Chancen, eine andere, bessere Wohnung zu finden. Schnell ließ sich das Geld nicht verdienen, und ein schickes Auto hatte er auch noch nicht. Ausgeträumt. Dennoch fühlte er sich verpflichtet in Deutschland zu bleiben.

Seine Familie zuhause in Tepeköy brauchte das Geld zum Überleben – immerhin verdiente er mehr, als es ihm in der Türkei jemals möglich gewesen wäre. Nur deshalb empfahl Adnan seinem Arbeitgeber auch seinen zweitältesten Bruder.  Bald war auch er in Deutschland - geteiltes Leid war halbes Leid, dachte Adnan.

Anfangs gab ihm sein Bruder auch noch das Gefühl von Heimat. Er erzählte viele Geschichten aus Tepeköy und von ihrer Familie. Doch schon bald holte auch die Trostlosigkeit seinen Bruder ein. Nur noch ein, zwei Jahre, dann würden sie wieder nach Tepeköy zurückkehren, schworen sie sich.

>Von Freya Helmstätter<

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