Eine Flucht mit Nebenwirkungen

“Die haben schon ganz schön gebibbert, als sie da im Gebüsch lagen.” Das sagte meine Großmutter, als ich sie nach der Flucht meines Großvaters Harry Besser fragte. Im Herbst 1954 flohen er und drei Freunde über die Grüne Grenze von Ost- nach Westdeutschland.

Grüne Grenze: (umgangssprachlich) er ist über die grüne Grenze gegangen (hat illegal, an einem unkontrollierten Abschnitt das Land verlassen).

1954 gab es noch keine Mauer in Berlin, die Sicherungen an der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze waren allerdings schon etabliert: 5-km-Sperrzone vor der Grenze, ein 500 Meter breiter Schutzstreifen und ein 10 Meter breiter Kontrollstreifen direkt am Grenzzaun. Wer floh, war damals noch nicht automatisch ein Staatsfeind. Aber galt als Verräter im Osten und als Flüchtling im Westen. Ein Flüchtling wie heute auch im negativ besetzten Sinn. 

Zu viert fuhren sie auf zwei Motorrädern von Bockau im Erzgebirge zum südwestlich gelegenen Grenzort Hof in Bayern. Dort blieben sie noch ein Tag bevor sie sich nachts in Richtung Grenze aufmachten. Zwischen ihnen und dem Westen lag eine Grenzbefestigung, an der ständig Soldaten patrouillierten. Sie versteckten sich im Gebüsch, warteten, krochen voran, warteten wieder und krochen ein paar Meter. Das wiederholten sie solange, bis sie im Westen waren. Die Flucht war vorerst geglückt. 

19 Jahre alt war mein Großvater als er die Grenze überquerte. Ein ausgebildeter Konditor, der bei der Kasernierten Volkspolizei als Koch arbeitete. Als bekannt wurde, dass seine Truppe in die Nationale Volksarme umgewandelt werden sollte, quittierte er seinen Dienst. Das war wahrscheinlich auch der Moment in dem ihm klar wurde, dass er nichts im Osten, nichts im Sozialismus zu suchen hatte. Die Zwänge, die Fremdbestimmung in der neuen alten Heimat waren keine Ort der Zukunft für meinen Großvater. Meine Mutter beschrieb es so: “Er fragte sich wie viele: ‘Wenn die uns hier alles wegnehmen, was für einen Sinn macht das hier noch?’ ”

Im Westen wurden sie allerdings nicht als Helden gefeiert, die vom Sozialismus geflohen waren. Ganz im Gegenteil. Sie waren jetzt keine vollwertigen Deutschen mehr. Sie waren Flüchtlinge. Ihr Ruf als guter, anständiger Deutscher wurde ihnen aberkannt. Im Erstaufnahmelager Augustdorf wurden sie entkleidet, entlaust, untersucht, neu eingekleidet und registriert. Nach der Normtortur, wurden sie dann entlassen. Als freie Bürger. 

“Eigentlich wollte er ja weiter nach Kanada, hätte er Mutter damals nicht getroffen, wäre er ganz bestimmt weiter gereist.”, erzählte mir mein Onkel: “ich glaube, er hat immer ein bisschen bereut, nicht bis an sein eigentliches Ziel gekommen zu sein.”  Doch nicht nur das plagte mein Großvater nach der Flucht, er litt unter Heimweh, vermisste seine Familie im Osten. 

Der West-Ostkonflikt verhärtete über die Jahre immer mehr, der Kontakt zu seiner Familie und Freunden wurde immer schwieriger. Unliebsame Passagen auf Weihnachts- und Geburtstagskarten wurden von der Stasi, dem Geheimdienst der DDR, geschwärzt. Pakete kamen selten vollständig an, und über allem lag die Befürchtung, dass vielleicht Mitglieder der eigenen Familie im Osten für die Stasi arbeiten könnten. 

Harry Besser, ein stolzer Mann, mein Großvater, hat es geschafft: Er ist dem Sozialismus, dem Osten zu entkommen, hat seine Frau kennen und lieben gelernt, versorgte seine vier Kinder und baute ein Haus in Detmold. Der Preis war trotz des Glücks sehr hoch: Das ewige Heimweh ohne viel Aussicht auf Kontakt mit der zurück gelassenen Familie und der Traum von Kanada, der nie in Erfüllung ging. Nach einem Moment des Schweigens meinte mein Onkel: “Er war immer irgendwie auf der Suche”.

>Von Lukas Blank<

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