Unter Volldampf in den Westen

Die Lok 234 durchbricht mit Höchstgeschwindigkeit das Grenztor nach West-Berlin. Zugführer Harry Deterling rast mit Freunden, Verwandten und Unbeteiligten in die Freiheit.

„Heute um 19:33 Uhr fährt der letzte Zug in die Freiheit“, lässt Harry Deterling seine Freunde und Verwandten am 5. Dezember 1961 per Telefon wissen. Der 27-jährige Zugführer und sein 18-jähriger Heizer, Hartmut Lichy, arbeiteten lange auf diesen Tag hin. Beide hatten sich geweigert eine „Zustimmung zum antikapitalistischen Schutzwall“ zu unterzeichnen. So nannte die Regierung die Mauer, mit der sie die Massenflucht der eigenen Bevölkerung in den Westen beenden wollte. Dafür sollten sie zwangsversetzt werden. Harry zur „politischen Umerziehung“ in eine Ziegelei und Hartmut zum Militär.

So täuschten sie vor, einsichtig zu sein. Harry bot an, zur Wiedergutmachung unbezahlte Sonderschichten zu fahren. Auf der einzigen noch offenen Strecke nach West-Berlin, Richtung Albrechtsdorf. Einen Kilometer dahinter befand sich die Grenze, nur blockiert durch Zäune und ein Tor aber keine Weichen.

Nächster Halt, Freiheit

Am 5. Dezember ist es dann soweit. Die Lok 234 fährt mit acht Waggons in Oranienburg ab. Harrys Familie, die seiner Schwester und seine Mutter befinden sich bereits an Bord. Im Taxi rasen dem Zug Freunde hinterher, die es nicht rechtzeitig zum Bahnhof geschafft hatten. Sie steigen in Falkensee hinzu.

Von da an geben Harry und Hartmut Volldampf. Am Endbahnhof Albrechtshof halten sie nicht und fahren auf die Grenze zu. Um sich vor Schüssen der Grenzbeamten in Sicherheit zu bringen, verstecken sie sich im Kohlewaggon. Auch die eingeweihten Fahrgäste schmeißen sich auf den Boden.

Die Notbremse manipulierte Harry vor der Abfahrt. Der Bahnpolizist an Bord hat also keine Möglichkeit den Zug zu stoppen. Um 21:03 Uhr kracht die Lok ungebremst durch das Grenztor. Kugeln fliegen keine, die Soldaten sind wohl zu verdutzt über die waghalsige Aktion. Knapp zwei Kilometer hinter der Grenze endet die Fahrt auf gerader Strecke. Aus Sicherheitsgründen, wie Harry später erzählt, damit kein anderer Zug auffährt.

Nicht alle wollen fliehen

Insgesamt sitzen 32 Fahrgäste in den Waggons. Sieben von ihnen machen sich zu Fuß auf den Rückweg in die DDR. Der Rest bleibt im Westen. Bereits am nächsten Tag werden im Osten die Gleise heraus gerissen und Sperren errichtet. Es war das erste und einzige Mal, dass ein Zug erfolgreich die Grenze durchbrach.

Harry ließ sich mit seiner Familie in Radolfzell am Bodensee nieder. Dort lebte er bis zu seinem Tod 2010. Er wurde 76 Jahre alt. Trotz der vielen Berichte und dem Film „Durchbruch Lok 234“ über seine spektakuläre Flucht, führte der Eisenbahner ein ruhiges Leben und stand ungern in der Öffentlichkeit.

>Von David Schaaf<

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.