„Gelobt sei der Herr!“

Die Vertreibung von Millionen Ostpreußen im Zweiten Weltkrieg hat viele Familien gezwungen vor der russischen Armee zu flüchten, darunter Gabriele K. die auf der Flucht ihrer Familie zur Welt kam.

Ich bin an einem Donnerstagnachmittag bei Gabriele K. zum Interview eingeladen. Sie bittet mich ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Wir setzen uns auf das rosa Sofa, ihr Lieblingsplatz im Haus. Dann beginnt Gabriele mir ihre Geschichte zu erzählen, echt und ungeschönt, ihre ersten Jahre von ihrer Geburt bis zum endgültigen Ankommen in einer für sie anderen Welt.

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, gelobt sei der Herr!“
Der feste Glaube ihrer Mutter, meint Gabriele, hat ihr während der Flucht sehr geholfen.

Gemeinsam mit ihrer eigenen, über 60-jährigen Mutter, den beiden Kindern, Sabine, 4, und Wolfgang, 5 Jahre alt, floh Gabrieles Mutter Marthel 1944 aus der ostpreußischen Stadt Tilsit, dem heutigen Sowetsk, Richtung Westen. Der Treck bestand fast nur aus Frauen und Kindern.

Der Vater wurde als Arzt zur Wehrmacht eingezogen. Er hatte keine Wahl und musste seine Familie vorerst alleine ziehen zu lassen. Mit Pferdefuhrwerken und Bollerwagen machte sich der Treck auf den Weg, Gabrieles Mutter war hochschwanger, viele Frauen verletzt - das Vorankommen war langsam und mühsam.

Russische Soldaten hatten ihr Häuser besetzt und ihnen alles Wertvolle genommen. Wem es doch gelungen war, etwas zu verstecken und mitzunehmen, tauschte es später auf der Flucht.Die Frauen tauschten zum Beispiel ihre Eheringe gegen 10 Eier oder eine Wolldecke. Geld war während des Krieges nichts wert, es ging einzig und allein um's pure Überleben.

Die Gefangenschaft 

1945 geriet die Familie dann in Braunsberg, dem heutigen Polen, in russische Gefangenschaft. Kurz zuvor war dort Gabriele auf die Welt gekommen. Ihr Bruder Wolfang starb während der Gefangenschaft an einer Lungenentzündung, der Familie wurden keine Medikamente zur Verfügung gestellt, die Russen wollten ihren Proviant nicht freigeben.

Als die Familie wenige Wochen später mit der neugeborenen Gabriele, weiterziehen durfte, hatte die Mutter nicht genug Milch um ihr Neugeborenes zu ernähren. Die anderen Frauen mit Babys im Track reichten Gabriele untereinander weiter um sie ausreichend zu versorgen.

Das Auffanglager 

Nach einem weiteren langen Fußmarsch kam die Familie in einem Auffanglager in Westdeutschland an, sie wurden nach Leeste bei Bremen verschickt. Sie erhielten eine Wohnung mit Wohnküche und zwei Schlafzimmern zugeteilt, dazu gebrauchte Kleidung und Möbel. Drei Jahre später kam der Vater aus dem Krieg zurück. Über das Rote Kreuz hatte er erfahren, wo sich die Familie befindet. Die Flucht hatte ein halbes Jahr gedauert, bis die Familie wieder zusammen war, vergingen fast vier Jahre.

Der Aufbruch in eine bessere Zukunft 

Ein Jahr später zog die Familie nach Mühlheim an der Ruhr zum Bruder des Vaters um. Der Umzug und vor allem eine Begrüßungsszene hat die damals vierjährige Gabriele nie vergessen: Während ihre pausbäckigen, wohlgenährten Cousins und Cousinen in weißen Kleidern mit Bergen von Spielzeug tobten, stieg die kleine Gabriele in einem dreckigen Kleid mit ihrem einzigen Spielzeug, einem alten Stück Fell, aus dem abgenutzen LkW aus.

Ein neues Leben beginnt

Ein paar Wochen später wurde der Vater als Allgemeinpraktiker in Duisburg zugelassen. Die Familie zog in die untere Etage eines zerbombten Hauses, das Wohnzimmer wurde tagsüber in ein Behandlungszimmer umfunktioniert und der Flur in ein Wartezimmer für die Patienten. Ein Jahr später baute der Vater ein Haus, gegenüber der aktuellen Wohnung auf einer Stelle die zuvor zerbombt wurde. Sechs Jahre nach ihrer Flucht hatte die Familie wieder ein eigenes Familienhaus und es gab endlich wieder Sicherheit und Hoffnung für die Zukunft.

>Von Joelle Wörtche<

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