Ein Sprung ins kalte Wasser

Es ist der 21. November 1963. Das Wasser des Jungfernsees in Potsdam ist ruhig und liegt wie ein schwarzer Spiegel in der Nacht. Hubert Hohlbein lässt sich langsam hinabgeleiten, sein Bleigürtel zieht ihn nach unten und er schwimmt los.

Dank seinem Schnorchel kann er unter Wasser bleiben und sich Meter für Meter in die Freiheit kämpfen. Das kalte Wasser entzieht seinem Körper die Wärme, sein Herz rast, doch das Licht der Glienicker Brücke am West-Berliner Wannsee vor Augen gibt ihm ein Ziel. Mit der DDR lässt er seine Familie hinter sich, in der Hoffnung auf ein besseres, freies Leben in der BRD.

Bevor die Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland geschlossen wurde, war Hubert Hohlbein oft bei seinen West-Berliner Freunden. Sie sind zusammen tanzen gegangen oder mal ins Kino.

Mit ihnen hat sich Hubert frei gefühlt. Jetzt ist er eingesperrt in dem Sozialistischen System. Keine freien Wahlen, keine freie Markwirtschaft, der Staat kontrolliert alles. Tabak und Kaffee sind für viele Bürger unbezahlbarer Luxus.

Wer ein Auto haben will, darf nur die Ost-Marke fahren und muss darauf sogar jahrelang warten. Schallplatten mit Westlicher Musik werden geschmuggelt und dürfen nur heimlich gehört werden. Hubert möchte studieren.

Doch da sein Vater ein Privatunternehmer war und damit zur bürgerlichen Mittelschicht gehört, ist ihm dieses Privileg verwehrt. Er machte stattdessen eine Lehre zum Elektroniker. Aber er will raus aus der DDR. Die Flucht in den Westen wird zu seinem einzigen Ziel.

Doch dies ist nicht einfach. Durch die Nachkriegsordnung wird Berlin geteilt. Im Zuge des Kalten Krieges drängt die Sowjetunion zur Schließung der Grenze, um sich von den westlichen Einflüssen der Weststaaten ab zu schirmen.

Die Mauer wurde bereits vorher gebaut, um die zunehmende Anzahl von Flüchtigen aus der DDR zu stoppen. Die Grenzsoldaten hatten den Befehl, zu schießen, wenn jemand versuchte die Mauer zu überqueren. Ein Entkommen wurde nahezu unmöglich. So ließen sich viele Bewohner der DDR immer aufwendigere und gefährlichere Wege einfallen, das Land zu verlassen. Hubert gehörte zu ihnen.

Monatelang hat Hubert Hohlbein mit seinen zwei Freunden trainiert. Immer und immer wieder haben sie sich in die Taucheranzüge gezwängt und sind in das Wasser des Jungfernsees in Ost-Berlin gestiegen. Seinen beiden Freunden ist die Flucht bereits vor Wochen gelungen. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, beschlossen die Freunde, einzeln in die Freiheit zu schwimmen.

Hubert bewegt seine Schwimmflossen vorsichtig unter Wasser, um unsichtbar zu bleiben. Der Suchscheinwerfer eines Grenzpostens kriecht über ihn, doch Hubert bleibt unentdeckt. Nach eineinhalb Stunden unentwegtem Schwimmen in Dunkelheit und Kälte schleppt sich Hubert ans Ufer, wo er von Polizisten aus dem Westen empfangen wird. Sie wickeln ihn in Decken, gratulieren ihm zu seiner gelungenen Flucht und bringen ihn ins Krankenhaus.

Doch dies ist nicht das Ende von Huberts Geschichte. Er schließt sich einer Fluchthilfegruppe an, um weiteren Menschen in ein besseres Leben zu helfen. Mit Gleichgesinnten gelingt es ihnen einen 145 Meter langen und zwölf Meter tiefen Tunnel vom Keller einer Bäckerei in West-Berlin zu einem Hof in Ost-Berlin zu graben.

Weiteren 57 Menschen gelangt so die Flucht, auch Huberts Mutter. Doch der „Tunnel 57“, wird bereits in der zweiten Nacht von Soldaten der Grenztruppen entdeckt und geschlossen. Ein Grenzsoldat kommt an diesem Abend bei einem Schusswechsel ums Leben.

In der DDR wird er fortan als Held gefeiert, der sein Leben beim Kampf gegen die Verräter verlor. Später sind es Hubert und seine Freunde, denen Lob zugesprochen wird. Mit ihrer einfachen aber genauso gefährlichen Idee, nachts durch trübe Gewässer aus der DDR zu schwimmen und später einen Tunnel zum Schmuggeln von Menschen zu bauen, wird ihm 2012 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Er hat nicht nur sein eigenes Leben verändert, sondern auch das von vielen anderen und ist ein gutes Beispiel für Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft in schweren Zeiten. Hubert Holbein folgt seinem Traum und studiert in West-Berlin Elektrotechnik. Heute lebt er in München.

>Von Elisabeth Modjesch<

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