Wenn dein Schlepper nur eine Hand zum Fahren hat

Dies ist die Geschichte meiner Mutter, die mit ihrem Mann und uns Kindern Ende der 1980er Jahre unter Lebensgefahr in einem Kleinbus von Afghanistan über die pakistanische Grenze floh und bis zu ihrem Tod 2016 in Deutschland lebte. Sie hat ihre Heimat nie wiedergesehen.

1986: Seit über sieben Jahren hält die Sowjetunion das Heimatland von Nasreen besetzt: Afghanistan. Mit ihrer sechsköpfigen Familie lebt sie in Kabul, der Hauptstadt. Der Vater ist ein angesehener Staatsanwalt, der Opa General in der afghanischen Armee. Wegen des hohen Status muss die Familie fliehen, denn eine Zusammenarbeit mit den Sowjets kam nicht in Frage.

Der erste Versuch, das Land zu verlassen, scheitertjedoch recht schnell. Die Familie gibt einem Schlepper 50.000 Afghani (in Deutschland gleichzusetzen mit 50.000 Euro) verkauft bis auf eine Matratze und einen Teppich ihren ganzen Besitz und wartet auf die bevorstehende Flucht. Der Schlepper jedoch betrügt die Familie und taucht mit dem ganzen Geld unter.

Nasreen ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und schließt erfolgreich ihr Abitur ab. Ihren Studienplatz für Pharmaziekann sie jedoch nicht antreten, da die Familie nur auf den idealen Zeitpunkt wartet, um erneut das Land zu verlassen.

Es vergehen zwei Jahre, bis ein neuer Schlepper gefunden ist: Es ist ein Fahrer mit nur einer Hand, die andere ist verstümmelt. Keine guten Aussichten für die lange Fahrt durch die Berge nach Pakistan.Doch die Familie hat keine Wahl.

Im Dezember 1988 macht sich Nasreen und ihre Familie in einem völlig überladenen Minibus auf den Weg zur Grenze bei Logar. Von dort soll es nach Pakistan gehen. Um nicht aufzufallen, tragen alle eine Burka, auch die Männer verhüllen sich.

Der Bus wird an mehreren Stationen von bewaffneten Guerilla-Kämpfern, den Mudschaheddin, angehalten. Der Familienvater, der Staatsanwalt, wird aus dem Bus gezogen und verdächtigt, ein Kollaborateur zu sein. Er spielt den Ungebildeten und überzeugt die Kämpfer von seiner Unschuld.

Am nächsten Stopp geht es nicht so glimpflich aus: Am Berg Latakuri sperren erneut mehrere Mudschaheddin den Weg und stoppen den Bus. Aufgrund eines anonymen Tipps wissen sie, dass sich unter den Passagieren ein wichtiger Staatsanwalt befindet.

Sie holen Nasreens Vater heraus und verschleppen ihn in die Berge. Der Bus solle weiterfahren, den Vater würden sie später hinterherschicken. Allen ist klar: Das ist sein Todesurteil.

Ohne zu zögern rennt seine Frau, Nasreens Mutter, hinterher in die Berge. Die Mudschaheddin drohen ihr mit dem Tod. Der Busfahrer will weiterfahren. Nasreen und ihre Geschwister im Bus weinen und schreien und befürcheten, ihre Eltern das letzte Mal gesehen zu haben..

Dann trauen sie ihren Augen nicht: nach 20 Minuten kommen die Eltern unversehrt zurück. Die Frau hat den Mudschaheddin angeboten, für sie zu kochen und die Wäsche zu machen - , im Austausch für das Leben ihres Mannes. Die Kämpfer waren von diesem Mut so angetan, dass sie die beiden nach einem netten Plausch gehen ließen.

Die Fahrt geht weiter. Überstanden ist sie noch lange nicht. Nach sechs Stunden verliert der einhändige Fahrer die Kontrolle, der Bus stürzt einen Steilhang hinab. Was geschehen ist, weiß Nasreen nicht. Sie hat nach dem Aufprall einen Filmriss.  Sie weiß nur eins: Irgendwie haben es alle  heil nach Pakistan geschafft und von dort aus sicher Deutschland erreicht.

Heute schaut Nasreen mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit in Afghanistan zurück. Sie vermisst zwar ihre Heimat und die schönen Landschaften, dennoch ist sie zufrieden und glücklich in Deutschland. Nasreen ist sie verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Im Januar ist ihre Mutter, die sich den Mudschaheddin widersetzt hat, im Alter von 66 Jahren im Juni 2016 verstorben.

>Von Sadaf Sharaf<

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