"Erzähl doch nicht solche Geschichten“

Es ist einer der strengsten Winter, 1945, in dem das neunjährige Mädchen mit ihrem Vater und ihren beiden Schwestern von Ostpreußen nach Danzig flüchtet. Vorbei an zerbombten Städten, Leichen, erhängten jungen Soldaten.

Es war vorbei. Sie wussten es. Und weil sie es wussten, tranken sie schon den ganzen Tag. Sie sangen. Es sollte fröhlich sein und klang doch wie Geschrei. Sie schrien und tranken, es hallte durch den ganzen Hafen. Frieda erinnerte sich an den besorgten Blick ihres Vaters während er ihre Hand fester packte, auf den Armen ihre kleine Schwester Erika hielt, neben ihm ihre ältere Schwester Erna und schneller ging. Es waren SS-Männer, die am Hafen tranken und schrien. Noch heute hört sie die betrunkenen Stimmen. Sie sangen zu einem Lied im Radio.

Wenn die Sonne scheint, Annemarie,
Machen wir 'ne Landpartie.
Und wir wandern durch die schöne Welt,
Froh und frei, wie's uns gefällt.

Zwei Wochen früher. Die Wehrmacht hatte endlich und viel zu spät den Zivilisten den Befehl gegeben: rette sich, wer kann, die Russen kommen. Friedas Vater packte das Nötigste auf einen Pferdewagen. Ihre Schwestern fuhren darauf, in Decken eingewickelt, durch einen der härtesten Winter in Ostpreußen, minus dreißig Grad. Sie wollten nach Danzig. Sie mussten nach Danzig, Befehl des Militärs.

An einer Drahtleine, die im Danziger Hafen gespannt war, hatte die Wehrmacht Deserteure gelyncht. Es waren Jungs, vielleicht 15 Jahre alt. 13 hingen da. Jeder trug ein Schild auf der Brust: „Sie hatten Heimweh nach der Mutter.“

Kaum war Frieda mit Familie angekommen, waren die Russen da. Sie wurden in einer Notunterkunft untergebracht. In einem Keller mit vielen anderen Familien, Kindern und deutschen Soldaten Alle paar Stunden kamen russische Soldaten herein und führten einen der Soldaten auf den Hof. Man hörte einen Schuss, dann wurde der nächste herausgeführt.

Ich musste das alles nochmal sehen.

„2006 sind wir dorthin gefahren. Ich musste das alles nochmal sehen, habe deinem Opa alles gezeigt. Ich wollte dorthin gehen, wo das Lazarett gestanden hatte, wo die amputierten Hände und Füße lagen, wo ich auf den Friedhof gegangen bin, als kleines Mädchen, um Wasser zu holen. Da wo Erika an gehängten Soldaten vorbeiging und schrie: Oh mein Gott, das ist unser Bruder Willi!“ Die armen Jungs sahen alle aus wie Willi.“

Später bekamen sie ihr eigenes Zimmer, ihr Vater, ihre Schwestern und Frieda. Ihre ältere Schwester Erna musste mit ihrem Vater arbeiten gehen. Frieda selbst blieb mit ihrer 3 Jahre alten Schwester Erika zurück. Vater und Erna brachten von der Arbeit manchmal ein paar Körner Weizen mit, die sie sich unauffällig in die Taschen gesteckt hatten. Sie kochte dann selbst etwas, meistens Kleiesuppe.

Einmal kamen sie zurück, bewacht von einem russischen Soldaten und sagten Frieda, sie beide, ihr Vater und ihre ältere Schwester würden nach Russland geschickt werden, nach Sibirien. Alle Papiere seien schon fertig, Erika und sie würden zurückbleiben. „Was wird mit der kleinen Doczka?“ fragte der russische Soldat nachdenklich. Ja, was wird mit dem kleinen Töchterchen? Mit der kleinen Erika?

Er nahm sie auf den Arm, schaute sie an, drückte sie. „Zuhause in Russland habe ich auch so eine Doczka. Ich weiß nicht, wie es meiner Tochter geht, ich weiß nicht, was in Russland los ist. Aber ich weiß, die Kleine hier darf nicht alleine bleiben. “ Nach kurzem Zögern sagte er: „Ich mache euch einen polnischen Reisepass, und bringe euch zu einem Wagen.“ Er hielt sein Versprechen.

Sie stahlen sich nachts davon. Ihr Vater zog den Wagen, die kleine Erika saß oben, Erna und Frieda liefen nebenher. Sie kamen vorbei an Soldaten mit aufgeschlitzten Bäuchen und vielen anderen Toten. Nachts blieben sie in den Wäldern. An einem Morgen fand Erika eine Puppe und schloss sie in die Arme. Es war keine Puppe, es war ein erfrorenes Baby. Ihre Schwestern versuchten es ihr abzunehmen, doch sie ließ es nicht los.

Dreißig Tage später waren sie in Sicherheit. Sie waren zurück in Ostpreußen, wo sie mit ihrem polnischen Pass bleiben durften. Ihr Haus hatten sie in Eile zurückgelassen, nur das wichtigste hatten sie mitnehmen können. Einsam lag es vor ihnen. Doch sie waren wieder zurück. Sie waren zu Hause.

„Heute schimpfen die Leute und sagen, die Ausländer und alles. Aber man muss auch darüber nachdenken, was diese Menschen alles mitmachen, wie sie in den Lagern sitzen. Wenn ich manchmal abends im Bett liege und nachdenke, finde ich, die haben das gleiche Schicksal wie ich.“

>Von Angelika Watta<

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