Perception is reality

Perception is reality

„Perception is reality.
Das heißt, das, was man fühlt, ist auch Realität.“

Georg Pazderski, Berliner Landesvorsitzender der AfD

 

Die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist umstritten. Bis heute beherrscht das Thema die Presse. Besonders Negativschlagzeilen über Flüchtlinge, wie etwa die sexuellen Übergriffe an Frauen in der Kölner Silvesternacht oder der Mord an einer Studentin aus Freiburg, haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Im Social Media reagieren Menschen mit Angst und Wut. Und das zugunsten von Rechtspopulisten, die Ängste und Misstrauen in der Bevölkerung schüren. Aber sind solche Gefühle gegenüber Flüchtlinge berechtigt?

Die Gesellschaft verliert scheinbar zunehmend das Vertrauen in Fakten und lässt sich häufiger von Stimmungen und Gefühlen leiten. Das Phänomen lässt sich mittlerweile unter dem Englischen Begriff „post-truth“ zusammenfassen – zu Deutsch: „postfaktisch“. Im November kürte die englischsprachige Wörterbuchreiche Oxford Dictionaries diesen Ausdruck sogar zum internationalen Wort des Jahres.

In einem Jahr, in dem rechtspopulistische Politiker die Briten zum Brexit verführen konnten – und US-Amerikaner den Rechtspopulisten Donald Trump zum umstrittensten Präsidenten aller Zeiten wählten. Casper Grathwohl, Präsident von Oxford Dictionaries, begründet die Verbreitung des Wortes mit

"dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle
und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten,
die vom Establishment angeboten werden".

Im September 2016 nahm sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel die Vokabel in ihren Wortschatz auf. In der Öffentlichkeit nutzte sie den Begriff zum ersten Mal, nachdem die CDU bei der Berliner Landtagswahl eine herbe Niederlage einstecken musste. Berlin war zu diesem Zeitpunkt schon die vierte Pleite für die Volkspartei – nach Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern.

In jenen Ländern, in denen die CDU bereits viele Wähler an die AfD verloren hatte. An eine rechtspopulistische Partei, bei der Fakten nicht mehr im Mittelpunkt des politischen Handelns stehen und die das postfaktische Zeitalter ausnutzt, um mit Dramatisierungen vor allem die Gefühlswelt der Menschen anzusprechen.

Ohne Fakten keine Orientierung

Die Argumentation von AfD-Politiker Pazderski („Perception is reality. Das heißt, das, was man fühlt, ist auch Realität.“) ist natürlich nicht falsch. Aber jeder nimmt die Welt auf unterschiedliche Weise wahr. Umwelt und Erziehung prägen unsere selektive Wahrnehmung und beeinflussen unsere Denkweise. Und damit auch unsere Gefühle, Interessen, Überzeugungen und Vorurteile. Die selektive Wahrnehmung ist unbewusst und dient im Grunde dazu, dass wir die Fülle an Informationen überhaupt verarbeiten können, die tagtäglich mit jeder Minute auf uns einströmen. Es darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass das Erlebte in erster Linie subjektiv und nicht für alle Menschen gleichbedeutend ist. Das, was der Einzelne fühlt, muss also nicht auf alle anderen zutreffen.

Klar ist: Erlebnisse bewegen und berühren uns, lassen uns emotional werden. Aber Gefühle sind irrational. Können manipuliert werden. Tatsachen bieten dagegen eine Grundlage, auf der wir miteinander diskutieren können. Sie sind erwiesen und nachweisbar. Gäbe es keine Fakten mehr, wäre jede Diskussion überflüssig – weil sich jeder auf seine eigene, selektive und damit auch „gefühlte“ Wahrheit berufen könnte.

Aber warum sind Rechtspopulisten so erfolgreich damit, Feindbilder zu kreieren? Groll und Ängste gegen Flüchtlinge zu schüren, wenn doch jeder Mensch die Geschehnisse selektiv wahrnimmt und beurteilt? Weil wir eine Ur-Angst in uns tragen: Die Furcht vor dem Fremden, die den Höhlenmenschen bereits in der Vergangenheit das Überleben sicherte, wie der Forscher Borwin Bandelow bestätigt.

Immerhin war es nur von Vorteil, den eigenen Stamm vor Fremden zu verteidigen – allein schon aus Gründen der Nahrungsknappheit. Diese Ur-Angst, auch Xenophobie genannt, ist immer noch in unserem Gehirn verankert. Das einzige Mittel, sich von dieser Furcht nicht blenden zu lassen, ist die direkte Auseinandersetzung mit dem Fremden, den Flüchtlingen. Aber das erfordert Neugierde und Mut. Gerade die AfD weiß diese irrationale Angst auszunutzen.

Instrumentalisierung von Einzelfällen

In einem Interview mit der Panorama-Redaktion der ARD gibt AfD-Politiker Alexander Gauland offen zu, Einzelfälle von kriminellen Flüchtlingen zu dramatisieren. Selbst wenn Zahlen und Statistiken etwas Anderes über die Kriminalitätsrate aussagen.

„Man macht es nicht, indem man falsche Dinge behauptet,
aber indem man bestimmte Dinge
in den Vordergrund der Argumentation stellt […]
ich argumentiere mit deutlichen Ausreißern vom Durchschnitt“

Rechtspopulisten wissen also, wie sie die Presse ausspielen. Dadurch finden ihre Inhalte – ob wahr oder unwahr – ungefilterten Zugang zum Publikum. Journalisten müssen sich dagegen wehren. Am besten mit „Fakten, Fakten, Fakten“, wie einst Helmut Markwort sagte, der damalige Chefredakteur von Focus. Wie aber sollen Journalisten ihren Auftrag erfüllen, wenn Nachrichten und Tatsachen im Zeitalter der sozialen Netzwerke untergehen? Wenn dramatische Einzelfälle über Flüchtlinge mehr Aufmerksamkeit erlangen, als amtliche Statistiken, die die Gesamtsituation umfangreicher darlegen können? Heißt das, dass Journalisten Fakten mit „mehr Gefühl“ aufbereiten müssen?

Die Zukunft des Journalismus bleibt offen. Klar ist aber, dass die Medien den Rechtspopulisten nicht allzu große Aufmerksamkeit schenken und ihre Aussagen nicht einfach unkritisch widergeben sollten. Sondern immer wieder faktische Gegendarstellungen veröffentlichen. Auch wenn es schwierig bleibt, gegen die Ur-Angst der Menschen anzukommen und an ihre Vernunft zu appellieren.

>Von Freya Helmstätter<