Über Bordertales

Sind wir nicht alle Flüchtlinge?

Ein paar erklärende Worte zu bordertales.de

Nach eineinhalb Jahren populistischer Hasstiraden, endloser Talk-Runden und gutmenschelndem Geschwafel, zwischen brennenden Flüchtlingsheimen, „Wir schaffen das“ und Willkommenskultur wollten wir uns dem Thema Flucht und Migration auf unsere eigene Weise nähern.

Wir wissen genau, was Sie jetzt denken: Ist denn nach diesem Horror-Jahr eines politischem und medialem Diskurses in der Endlosschleife zu dem Thema nicht schon alles gesagt?

Finden wir nicht.

Erstens ist zu dem Thema nie genug gesagt.

Zweitens ist das Thema unrettbar emotionalisiert. Allein die Erwähnung des Wortes „Flüchtling“ oder „Migrant“ führt bei einem großen Teil der Bevölkerung zu einem Blutdruck, der höhere Denkprozesse nachhaltig beeinträchtigt.

Also sagten wir uns, mit Rationalität, Argumenten und guten Worten kommen wir hier nicht weit. Bei Diskussionen in unserem Redaktionsteam stellten wir zu unserer eigenen Überraschung fest, wie viele von uns einen „Migrationshintergrund“ haben. Und das nicht, weil wir vielleicht alle Syrer, Eriträer oder Marrokaner wären.

Nein, weil unsere Ur-Ur-Großeltern in die USA auswanderten, eine Großmutter 1945 aus Ostpreußen geflohen, einer von einem Hugenotten abstammt, der im 17. Jahrhunder aus Frankreich nach Deutschland übersiedelte, ein Großvater von Ost- nach Westdeutschland „rübermachte“ und so weiter.

Vielleicht ist eine kurze Erklärung angebracht: Ein Migrant ist nicht nur jemand, der auf der Suche nach einem besseren Leben in einem Schlauchboot von Afrika nach Europa fährt. Migranten sind Menschen, die von einem Wohnsitz/Land zu anderen Wohnsitzen/Ländern wandern beziehungsweise durchziehen.

Eine Sonderform der Migranten sind Flüchtlinge, nach dem Genfer Abkommen Personen, die in ihrem Herkunftsland aufgrund von Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe (Ethnie) oder politischer Überzeugung verfolgt werden und deshalb ihr Land verlassen mussten.

Unsere anfängliche Vermutung, dass Flucht, Migration und Menschenbewegungen von und nach Deutschland etwas absolut Normales sind, bestätigte sich schnell.

Wir haben uns daher zum Ziel gesetzt, beispielhaft aufzuzeigen, wie lang und traditionsreich die Migrationsgeschichte Deutschlands ist. Nach Recherche und Selektion entstand das hier vorliegende Sammelsurium aus Flucht- und Migrationsportraits - von der Zeit der Goten bis heute.

Um nochmals grundlegende Informationen zusammenzufassen, erstellten wir Hintergrundtexte und ein FAQ. Außerdem geben wir einen hypothetischen Ausblick auf das, was in naher Zukunft noch passieren könnte.

Da wir uns im postfaktischen Zeitalter befinden und sich die Problematik von Fake News weiterhin verstärkt, möchten wir außerdem transparent machen, dass einige unserer Fluchtgeschichten fiktiv sind. Sie sind nicht etwa völlig frei erfunden, sondern könnten, soviel können wir nach unseren Recherchen sagen, genauso stattgefunden haben. In einigen Fällen haben wir die Namen unserer Interview-Partner geändert.

Unsere Rechtfertigung Der Grund dafür ist simpel: Zum einen ließ sich nicht immer ein Zeitzeuge finden, und zum anderen müssen Interview-Partner im schlimmsten Fall mit Folgen für ihre Familien in den Heimatländern rechnen.

 

Wir möchten ebenfalls darauf hinweisen, dass wir kein historisch lückenloses Produkt erstellen wollten und uns daher nicht mit allen Menschenbewegungen der letzten Jahrhunderte beschäftigt haben.

- Lukas Blank für die Bordertales Redaktion

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Die Bordertales Redaktion